Leseprobe aus "LightDark - Lichtweg"

[…]
 
Sage hätte mich ebenso gut nach Hause bringen können. Nach dem, was ich am Morgen erfahren hatte, war an Konzentration auf den Unterricht überhaupt nicht zu denken. Allerdings war Julies Blick, als ich zwei Stunden zu spät mit ihm gemeinsam durch die Tür kam, unbezahlbar. Einen Moment befürchtete ich, dass sich ihr Kiefergelenk vollständig aushängen und ihre Augen ihre angestammten Plätze verlassen würden. Sie war nicht einmal dazu fähig, einen zweideutigen Kommentar abzulassen.
»Es ist nicht das, wonach es aussieht«, murmelte ich, als ich mich neben sie auf meinen Platz fallen ließ. »Wirklich, Julie. Wir haben nur geredet.« Ich wusste, dass sie mir das nicht ohne Weiteres abnehmen würde. Ganz sicher konnte ich mir allerdings nicht sein. Meine beste Freundin schien in eine Art Schockstarre gefallen zu sein. Nach einer gefühlten Ewigkeit wandte sie endlich ihren bohrenden Blick von mir ab. Dafür merkte ich, wie Sage mich nun beobachtete. Ich ließ mich seufzend in meinen Stuhl zurücksinken und hoffte, dass der Tag schnell vorbeigehen würde.
 
In der Mittagspause herrschte betretenes Schweigen zwischen Julie und mir. Sie wusste anscheinend nicht, wie sie ein Gespräch beginnen sollte. Die offensichtliche Neugier, warum ich mit dem Neuen zu spät zum Unterricht gekommen war, platzte geradezu aus ihr heraus. Ich für meinen Teil, war mit meinen Gedanken ganz woanders.
Ich sollte also eine Art Engel sein. Und Fähigkeiten haben, die andere, normale Menschen, nicht hatten. War es tatsächlich möglich, dass ich Jake geheilt hatte? Der Umstand, dass ich laut Sages Aussage eines Tages kämpfen, und dabei vielleicht sogar sterben würde, wollte mir nicht aus dem Kopf gehen. Die Erlebnisse der letzten Tage hatten mir gezeigt, dass es im Leben Dinge gab, die ich früher nicht für möglich gehalten hätte. Aber so genau hatte ich es nicht wissen wollen.
Und Mrs Higgins … sie hatte mich sieben Jahre lang belogen. Hatte mir verschwiegen, wer ich wirklich war. Was ich war. Welchen Grund hatte sie gehabt, meine Fähigkeiten, welche das auch immer sein mochten, zu blockieren? Natürlich musste ich zugeben, dass ich bisher sehr gut ohne sie ausgekommen war. Schon jetzt beschlich mich das ungute Gefühl, dass sie mir nichts als Ärger einbringen würden. Ich nahm an, dass mein Leben ohne dieses Wissen deutlich ruhiger verlaufen würde. Trotzdem hatte ich ein Recht darauf, zu erfahren, wer ich war.

»Hallo, ich bin Sage«, hörte ich plötzlich eine Stimme neben mir.
»Ich weiß«, brummte ich mürrisch. Als hätten wir heute nicht schon mehr Zeit als nötig miteinander verbracht, ruinierte er mir jetzt auch noch meine Mittagspause.
»Mit dir rede ich auch gar nicht«, konterte er. Ich sah auf und blickte direkt in seine Meeres-Augen. Um seine Mundwinkel zuckte es verräterisch.
Irritiert schaute ich mich um. Meine Gedanken hatten mich dermaßen abgelenkt, dass ich gar nicht mitbekommen hatte, dass Julie und ich uns inzwischen an einen freien Tisch gesetzt hatten.
Julie, der Sage jetzt zur Begrüßung die Hand entgegenstreckte, starrte unserem unerwarteten Besucher wie hypnotisiert ins Gesicht. Diese Augen würden nun auch sie bis in den Schlaf verfolgen, dachte ich grinsend.
»Ju … Julie, ich …«, stammelte sie.
Ich unterdrückte ein Kichern. Meine beste Freundin war zeitweise ein wirklich hilfloses Opfer ihrer Hormone. Jemand mit dem Aussehen von Sage war in solchen Momenten natürlich der absolute Super-GAU.
Er nickte kurz und ließ sich neben mir auf den Stuhl fallen. »Maira und ich haben uns gerade angefreundet«, erklärte er Julie, deren Augen wie bei einem Tennis-Match zwischen uns hin- und hersprangen.
»Angefreundet würde ich nicht sagen«, murmelte ich. »Es ist eher eine Art Zwangsehe.«
»Hätte dich schlimmer treffen können«, meinte Julie, deren Gehirn offensichtlich langsam wieder seine Tätigkeit aufnahm.
Sage räusperte sich. »Wir haben einige wichtige Kurse zusammen. Da ich ja mitten ins Schuljahr platze, muss mich jemand auf den Stand der Dinge bringen. Dafür hat Maira sich netterweise angeboten.«
Ich starrte ihn mit hochgezogenen Augenbrauen von der Seite an. Er log wie gedruckt. Allerdings erklärte seine Ausrede nicht, warum wir zu spät zum Unterricht gekommen waren. Julie fiel dies offensichtlich nicht auf. Dem Anschein nach war ihre Gehirntätigkeit doch noch nicht vollkommen wiederhergestellt.
»Mitten im Schuljahr ist gut«, meinte sie und steckte sich ein Stück Gurke von ihrem Salatteller in den Mund. »Das Schuljahr ist bald zu Ende.«
Sage zuckte unbeeindruckt mit den Schultern. »Hat sich einfach so ergeben«, meinte er. »Familiäre Gründe.« Er sah mich bedeutungsvoll an.
Das war also die Art, wie wir Dinge erklärten. Offenbar dachte er, ich wäre so blöd, öffentlich heraus zu posaunen, dass ich zaubern konnte. Oder was auch immer ich konnte.
»Woher kommst du denn?« Jetzt war Julies Neugier endgültig geweckt. Ich schob meinen Teller zur Seite. Mir war der Hunger gründlich vergangen.
»Europa«, antwortete Sage und biss in seinen Schokoriegel.
»Wie du, Maira!«, rief meine Freundin. Sie rutschte aufgeregt auf ihrem Stuhl hin und her. »Das ist ja ein Zufall!« 
»Ja, was für ein Zufall«, murmelte ich und schob nervös meine Kaffeetasse von links nach rechts.
Die gesamte Pause über redeten Sage und Julie über dies und das. Sage konnte anscheinend ein echter Gentleman sein. Er stellte Julie unzählige Fragen über ihre Familie und darüber, was sie in ihrer Freizeit gerne tat. Am Ende der Pause glühten ihre Wangen.
»Der ist ja ein absoluter Jackpot! Hast du ein Glück«, raunte sie mir zu.
»Julie, wir … «, begann ich. Doch sie wackelte nur bedeutungsvoll mit den Augenbrauen und nickte wissend. Dann flitzte sie um die Ecke zu ihrem Schließfach.

Am Nachmittag hatte ich es mir gerade mit dem Tablet auf dem Schoß auf meinem Bett gemütlich gemacht, als es an der Tür klingelte. Wenige Augenblicke später hörte ich, wie Diane die ersten Stufen zu mir heraufstieg.
»Maira?!« Dieser Ton verhieß nichts Gutes. Ich konnte mich allerdings nicht daran erinnern, in den vergangenen Tagen etwas ausgefressen zu haben.
»Ja?«, antwortete ich zögerlich.
»Da steht ein junger Mann vor der Tür! Er will zu dir!« Die Tonlage in Dianes Stimme verriet mir, dass es nicht Matt war, der da draußen auf mich wartete. In diesem Fall hätte sich die Stimme meiner Pflegemutter vor Freude überschlagen. Unzählige Male hatten die beiden bereits eine geschlagene halbe Stunde im Wohnzimmer gesessen und einen Kaffee getrunken, bevor einer von ihnen daran gedacht hatte, mir Bescheid zu sagen. Wenn ich es nicht sogar zufällig auf dem Weg in die Küche selbst bemerkte. Aber Matt war noch immer in Kanada. Das konnte nur heißen … oh nein.
»Sag ihm, ich bin beschäftigt!«, rief ich in Richtung meiner Pflegemutter. Die kam jetzt die restlichen Stufen hinauf und stand im nächsten Moment in meiner Zimmertür.
»Das sagst du ihm schön selbst.« Diane musterte mich misstrauisch. Ich seufzte und schälte mich aus meiner Bettdecke. Fieberhaft überlegte ich, wie ich Sage am schnellsten wieder loswerden konnte.
»Wer ist das?«, fragte sie, nachdem ich mich im Türrahmen an ihr vorbeigezwängt hatte.
»Ein neuer Mitschüler«, murmelte ich mit zusammengepressten Zähnen. »Wir wollen zusammen lernen.«
»Ein neuer Mitschüler?« Sie hob skeptisch die Augenbrauen. »So kurz vor dem Ende des Schuljahres?«
»Ja, ich finde es auch seltsam. Aber ist wohl eine Familiensache«, entgegnete ich schulterzuckend. Kurz bevor ich das Ende der Treppe erreicht hatte, hielt Diane mich zurück.
»Maira, was ist mit Matt? Ich dachte ihr beiden … « Ihre Stimme stockte.
Ich lächelte traurig. »Matt ist in Kanada. Er sagt, er hat familiäre Probleme. Er wird noch eine Weile weg sein. Und nein, Matt und ich sind nicht zusammen. Und wir werden es auch niemals sein, Diane.«
Meine Pflegemutter kam langsam die Treppe herunter. Sie blickte mich entschuldigend an. »Tut mir leid«, murmelte sie und räusperte sich. »Ich wollte nicht so neugierig sein. Das ist eben das erste Mal, dass plötzlich ein Junge für eines meiner Mädchen vor der Tür steht. Wenn es bei Zoe erst einmal soweit ist … ich möchte gar nicht daran denken. Sie ist so anders als du. Ich weiß ja, dass ich mich auf dich verlassen kann.«
Bei ihren Worten – eines meiner Mädchen - wurde mir ganz warm ums Herz. Diane schenkte mir ein warmherziges Lächeln und ich erwiderte es.
»So, und jetzt geh zu dem hübschen Jungen da draußen«, befahl sie augenzwinkernd.

Der hübsche Junge hatte sich im Vorgarten kurzerhand auf die alte, grün gestrichene Holzbank gesetzt, die unter dem Küchenfenster stand.
»Was willst du?«, zischte ich. Dabei versuchte ich nicht einmal, den genervten Unterton in meiner Stimme zu verstecken. Sage hatte die Augen geschlossen und den Kopf in den Nacken gelegt, um sich die Sonne ins Gesicht scheinen zu lassen.
»Also weißt du«, murmelte er. »Erst lässt du mich eine Ewigkeit hier draußen warten, und dann bekomme ich so eine Begrüßung? Das ist nicht besonders höflich, Maira.«
»Einfach unangemeldet bei jemandem vor der Tür aufzutauchen, ist auch nicht besonders höflich«, meckerte ich. »Also, was willst du, Sage?«
»Ich habe dir doch gesagt, dass wir trainieren«, entgegnete er, immer noch mit geschlossenen Augen.
»Was, jetzt?«, stöhnte ich. »Ich dachte, jetzt nicht!«
»Ich habe nur heute Morgen gesagt - jetzt nicht«, meinte Sage. Endlich sah er mich an. »Also los, mach dich fertig.«
»Hör auf, mich herumzukommandieren«, zischte ich.
Ehe ich mich versah, stand er nur wenige Zentimeter vor mir. Da er wenigstens einen ganzen Kopf größer war als ich, musste er sich ein Stück hinunterbeugen, um mir direkt in die Augen sehen zu können. Das leuchtende Blau seiner Augen fesselte mich sofort. Ich spürte seinen warmen Atem auf meinen Lippen und atmete tief seinen Geruch ein. Er roch nach dem ersten warmen Tag im Frühling. Nach Sonne auf der Haut und frisch geschnittenem Gras. Von meinem Nacken ausgehend lief mir ein warmer Schauer über den Körper.
»Mach. Dich. Fertig«, raunte er in einem Tonfall, der keine Widerrede duldete. Wie ferngesteuert stolperte ich rückwärts durch die Haustür. Mechanisch zog ich meine Sweatjacke und die Sneakers an. Was zum Teufel hatte er mit mir gemacht?

»Ich bin nochmal weg«, rief ich ins Wohnzimmer, wo Diane mit Dylan und Jake auf dem Sofa saß und Karten spielte. Meine Pflegemutter sah mich über die Schulter hinweg an.
»Komm nicht zu spät wieder«, bat sie mich. Trotz unseres Gesprächs von vorhin schien sie noch immer nicht ganz beruhigt.
»Ja, mache ich«, versprach ich, ehe ich die Tür hinter mir ins Schloss zog.
 
»Wo fahren wir denn hin?«, wollte ich wissen, nachdem ich neben Sage auf den Beifahrersitz gerutscht war. Wir ließen gerade den Ortsausgang von Cayden hinter uns.
»Zu einem Ort, an dem wir ungestört trainieren können«, erwiderte er und blickte weiter auf die Straße.
»Ich hoffe, ich bin richtig angezogen für unsere Unternehmung«, murmelte ich unsicher.
Sage schnaubte verächtlich. »Maira, das wird keine Dinner-Party. Um dein Outfit musst du dir die wenigsten Gedanken machen«, spottete er. »High-Heels wären vielleicht beim Training nicht ganz so angebracht. Obwohl, die richtig Guten schaffen es auch damit. Aber du solltest besser Turnschuhe tragen.«
Wütend sah ich zu ihm hinüber. »Du traust mir wohl überhaupt nichts zu?«, giftete ich. Er hingegen schien vollends zufrieden zu sein. Sowohl mit seinem Kommentar als auch mit meiner Reaktion darauf. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht drehte er die Musik lauter und gab Gas.

Nach einer längeren Fahrt, die uns an den Rand des Glacier-Nationalparks führte, lenkte Sage den Wagen in einen etwas versteckt gelegenen Schotterweg. Er parkte das Auto hinter einer dichten Hecke und stieg aus.
»Komm, wir müssen noch ein Stück laufen«, sagte er und hielt mir die Tür auf. Der Wechsel vom absolut unverschämten Macho zum perfekten Gentleman schien bei ihm fließend zu sein. Ich folgte ihm, immer noch grummelnd, durch ein kleines Waldstück. Nach einer Weile kamen wir an einem See vorbei.
»Schön hier«, sagte ich und blieb stehen. Nun in etwas gelassenerer Stimmung, sah ich mich um. Diane hatte mir erzählt, wie traumhaft schön die Gegend rund um den Nationalpark war. Doch heute sah ich es zum ersten Mal mit eigenen Augen. Die pure Schönheit der Natur war atemberaubend.
»Wir sind nicht zum Sightseeing hier«, brummte Sage. Er ging mit langen Schritten weiter, ohne auf mich zu achten. Ich seufzte und folgte ihm.
»Du nervst mich«, rief ich ihm hinterher, da er schon einen enormen Vorsprung hatte.
»Du mich auch.« Ich konnte sein Gesicht nicht sehen, aber die Belustigung in seiner Stimme war nicht zu überhören.

»Wir sind da«, sagte er nach einer Weile. Inzwischen waren wir auf einem unebenen Hügel angekommen. Weit und breit war keine Zivilisation zu erkennen. Für meinen Geschmack war der Marsch hierhin schon mehr als genug Sport für diesen Tag gewesen. Ächzend ließ ich mich ins Gras fallen. Sage musterte mich mit zusammengekniffenen Augen.
»Ist das jetzt dein Ernst?«, rief er. »Wenn du jetzt schon nicht mehr kannst, dann kannst du dich warm anziehen. Los, steh auf!«
Mühsam rappelte ich mich auf. »Verdammter Sklaventreiber«, schimpfte ich, während ich mir den Staub und das Gras von der Hose klopfte. »Also, Boss, rief ich provozierend. »Wenn du hier schon so große Töne spuckst, dann fang auch an.«
Ich sah, wie Sage die Zähne zusammenbiss. Vermutlich, um nicht sofort loszuschreien. Oder mich gleich umzubringen.
Doch anstatt, wie ich es erwartet hatte, zu explodieren, rieb er sich einige Sekunden lang die zusammengekniffenen Augen. »Warum muss ich mich eigentlich immer mit den hoffnungslosen Fällen herumschlagen?«, knurrte er.
Ich grinste. So langsam fand ich Gefallen an diesem Provokationsspiel. Ich beschloss, meine Fähigkeiten darin weiter auszubauen.
»Also«, begann Sage nun. »Wie ich bereits sagte, ist deine Fähigkeit sehr wahrscheinlich die Heilung. Deswegen ist Energie deine einzige und somit auch stärkste Waffe. Nicht, dass deine Fähigkeit in einer Schlacht nicht brauchbar wäre, aber zur Verteidigung taugt sie nun einmal nicht allzu viel. Du musst also lernen, die Energie zu beherrschen und sie gegen unsere Feinde einzusetzen.«
Bei dem Wort Schlacht drehte sich mir der Magen um.
»Stell dich aufrecht hin, schließ die Augen und konzentrier dich«, forderte er mich auf.
»Worauf soll ich mich konzentrieren?«, fragte ich irritiert. Es war ja nicht so, dass ich das hier bisher tagtäglich gemacht hatte.
Sage seufzte erneut. »Wenn du mich auch nur einmal ausreden lassen würdest, dann könnte ich es dir erklären. Also nochmal: hinstellen, Augen zu, konzentrieren. Hör auf deinen Herzschlag. Versuch alles andere auszublenden. Mit jedem Schlag musst du spüren, wie die Energie in dir wächst. Es muss sich anfühlen, als würde durch deine Adern Strom statt Blut fließen.«
Ich stand da. Ich schloss die Augen. Ich konzentrierte mich. Aber nichts geschah.
»Wie soll ich etwas zustande bringen, wenn ich gar nicht weiß, wie es sich anfühlen soll?«, fragte ich genervt. Geduld war beim Lernen von neuen Dingen noch nie meine Stärke gewesen.
Als Sage nicht antwortete, öffnete ich die Augen. Er war nirgendwo zu sehen.
»Sage?«
Noch ehe ich mich umdrehen konnte, wurde ich plötzlich weggeschleudert. Es fühlte sich an, als würde nach einer Bombenexplosion die Druckwelle der Explosion alles im Umkreis von mehreren Kilometern einfach platt machen. Ich schlug mehrere Meter entfernt hart auf den Boden auf. Benommen hob ich den Kopf. Sage sah ich in einigen Metern Entfernung stehen. Er musterte mich mit geneigtem Kopf. Den linken Arm hatte er gerade vor sich ausgestreckt, die Handfläche zeigte in meine Richtung.
»Warst du das?«, flüsterte ich ungläubig.
»So fühlt sich das an«, meinte er knapp. In seinen Augen lag ein selbstzufriedener Ausdruck. 
Mühsam rappelte ich mich auf und stürmte auf ihn zu. »Bist du total bescheuert?«, schrie ich. »Du hättest mich umbringen können!« 
»Du bist eine Cor, du gehst nicht so leicht kaputt«, grinste er. 
Ich schnappte hörbar nach Luft. War das sein Ernst? Noch vor Kurzem dachte ich, eine simple Erkältung könnte mich dahinraffen. Und jetzt wollte er mir erzählen, dass es absolut kein Problem war, wenn man mich meterweit durch die Luft schleuderte? 
»Mir reicht´s!«, brüllte ich. Ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, ging ich an ihm vorbei. Ich würde das Auto schon ohne ihn wiederfinden. Irgendwann.
»Maira, bleib stehen!« 
Auch auf diesen Kommandoton hatte ich keine Lust mehr. Wutentbrannt stapfte ich durch das hohe Gras, als er urplötzlich vor mir stand. Wow, als Cor war man anscheinend schneller als Superman! 
Sage fasste mich an den Handgelenken. Er sah mich direkt an. Oh Mann, diese Augen. Ich blinzelte, um einigermaßen gesprächsbereit zu sein. 
»Es tut mir leid«, murmelte Sage. »Es ist nicht so einfach, wenn jemand noch gar keine Erfahrung mit den Cor-Kräften hat. Für dich nicht, für mich aber auch nicht. Wir müssen uns langsam herantasten. Und einen Auslöser finden, der deine Kräfte freisetzt. Noch eine Übung«, bat er. 
Ich nickte seufzend. Nebeneinander gingen wir die wenigen Meter, die ich geschafft hatte, wieder zurück. 
»So, nochmal«, meinte Sage. »Hinstellen, Augen schließen, konzentrieren.« 
Ich tat, was er mir gesagt hatte. Doch auch jetzt spürte ich absolut nichts. Plötzlich stand er direkt hinter mir. Ich erwartete eine erneute Attacke, doch er nahm behutsam von hinten meine Hände. Mein Herzschlag setzte einen Moment aus, um dann mit Vollgas weiter zu rasen. Ich spürte seinen Atem an meinem Ohr und in meinem Nacken. Eine kribbelnde Gänsehaut zog über meinen Körper. 
»Konzentrier dich«, flüsterte er. »Sammle deine gesamte Energie mit deinem Herzschlag.« 
So, wie mein Herz gerade schlug, hätte ich die ganzen verdammten Staaten mit Energie versorgen können. Doch Sage blieb, wo er war. Mit einem Mal fühlte sich alles leicht an. Es erinnerte mich an dieses Gefühl, wenn man vom Wachsein langsam in den Schlaf glitt. Meine Handflächen kribbelten, als würde Strom hindurchfließen. Ich glaubte sogar ein leises Knistern zu hören.
»Na, also«, raunte Sage mir jetzt ins Ohr. »Es wäre allerdings einfacher, wenn du deinen Puls in den Griff bekommen würdest«, fügte er grinsend hinzu. Ich spürte, wie mir die Hitze ins Gesicht stieg. Dieser Kerl konnte selbst das kleinste Erfolgserlebnis innerhalb von Sekunden zerstören.
 
Auf dem Weg nach Hause musste ich höllisch aufpassen, um nicht schon im Auto einzuschlafen. Ich fühlte mich, als hätte ich einen Marathon hinter mich gebracht. Sage und ich sprachen während der gesamten Fahrt kein Wort miteinander. »Bis morgen«, murmelte ich müde, als Sage sein Auto vor unserem Haus hielt. Statt einer Antwort nickte er lediglich, bevor ich mich beeilte, aus dem Wagen zu kommen.
Durch das Küchenfenster konnte ich sehen, dass im Wohnzimmer noch Licht brannte. Diane und Toni hatten also auf mich gewartet. Ich hatte viel eher wieder Zuhause sein wollen. Durch den langen Weg war es spät geworden. Leise schloss ich die Haustür auf und huschte durch den Flur. 
»Ich bin wieder da«, raunte ich in Richtung Wohnzimmer, wo meine Pflegeeltern auf dem Sofa vor dem Fernseher saßen. Diane warf einen vielsagenden Blick auf die Uhr über dem Kamin. 
»Ich gehe direkt ins Bett. Morgen ist ja wieder Schule«, murmelte ich und eilte in Richtung Treppe. 
»Maira?« Das war Tonis Stimme. Ich seufzte, bevor ich zurück ins Wohnzimmer schlich. 
»Ja?« 
»Ist alles in Ordnung bei dir?« 
»Ja, alles bestens, warum?«, entgegnete ich misstrauisch. Nun drehte Toni sich in meine Richtung und sah mich direkt an. 
»Bist du dir sicher? Du bist so … anders in letzter Zeit.« 
Dass den beiden aufgefallen war, dass sich etwas verändert hatte, beunruhigte mich. »Inwiefern?«, fragte ich. Ich hatte Mühe, nicht in Panik zu verfallen und versuchte mich angestrengt an einem ahnungslos wirkenden Gesichtsausdruck. 
»Du wirkst so … durcheinander«, meinte Diane. »Unkonzentriert. Plötzlich steht ein Junge vor unserer Tür, den du uns nicht einmal vorstellst. Und du hältst dich nicht mehr an Absprachen. Das kennen wir überhaupt nicht von dir.« 
Betreten sah ich auf den Boden. »Tut mir leid«, sagte ich leise. »Es ist einfach unglaublich viel los im Moment. Die Prüfungen. Und dann die Sache mit Matt … «. 
Diane stand vom Sofa auf. Sie blieb vor mir stehen und drückte mir liebevoll die Hände. »Du vermisst ihn, nicht wahr?« Ich nickte. Diane nahm mich in den Arm. »Dann solltest du ihm das sagen«, flüsterte sie mir ins Ohr. 
Ich versuchte mich an einem halbwegs aufrichtig erscheinenden Lächeln. Ich wollte ihr nicht sagen, wie seltsam Matt sich verhalten hatte. Ihr netter, gutaussehender, humorvoller, perfekter Matt. Wenn ich ehrlich war, hatte ich ihn bisher auch so gesehen. Ich wusste, dass sie sich wünschte, dass da mehr zwischen uns war. Genauso, wie ich es mir vor wenigen Tagen noch gewünscht hatte. Doch zwischen uns war ein merkwürdiger Graben entstanden. Ja, irgendetwas hatte sich verändert. Ich wollte mir einreden, dass das Auftauchen dieser Träume unsere Beziehung verändert hatte. Dass ich Matt mit meinem Verhalten überfordert hatte. Doch insgeheim wusste, dass sich mein ganzes Leben verändert hatte, als Sage auf der Bildfläche erschienen war. […]


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